Sputnik Moment – 30 gewonnene Jahre

Foto: Veranstalter

Demografischer Wandel ist auch in Bingen eine Herausforderung

Bingen (red). Trotz regnerischen Wetters fanden ca. 60 Personen am Montagabend den Weg ins Kikubi zum besonderen Filmabend, der in Zusammenarbeit mit der Demografiebeauftragten der Stadt Bingen veranstaltet wurde. Gezeigt wurde der Film „Sputnik Moment – 30 gewonnene Jahre“, der von Barbara Wackernagel-Jacobs produziert wurde. Jens Voll begrüßte im Namen der Stadt die Zuschauer, und auch die aus dem Saarland angereiste Produzentin. Er betonte, dass man die Herausforderungen des Demografischen Wandels in Bingen erkannt hat, und deswegen 2013 die Stabsstelle demografischer Wandel eingerichtet hat.

In Bingen sind 28 % der Bürgerinnen und Bürger über 60 Jahre alt. Ein großer Teil davon ist sozial oder kulturell engagiert, und das weitergeben dieser Lebenserfahrung stellt eine große Bereicherung für die Stadt dar. Im Alter von 50 Jahren haben wir heute ca. 30 weitere Jahre an Lebenszeit vor uns. Die New Yorker Geriaterin Linda Fried bezeichnet das als eine der größten Herausforderungen in der Geschichte der Menschheit, keinesfalls jedoch als Katastrophe

Wie die Älteren ihre Kompetenzen in anderen Städten und Ländern einbringen, und welche Erkenntnisse die Wissenschaft gewonnen hat, zeigen Beispiele aus dem Film von Barbara Wackernagel-Jacobs: Im Film erzählt die ehemalige Angestellte, Erika Breuer, wie sie sich schon mit 60 Jahren auf Ihren Ruhestand vorbereitete, indem sie einen Schrebergarten übernahm und dann mit Eintritt in die Rente den Vorsitz des Vereins übernommen hat. Horst Mathis,73, sagt: „Zuhause sitzen, nichts tun zu können das wäre nicht möglich gewesen.“ Er arbeitet 2 Tage die Woche im Hotel. Der Ingenieur Heribert Lenzen, 70, ist immer noch im In-und Ausland aktiv. Er macht die Erfahrungen, dass Ältere im Ausland mehr geschätzt werden. Der Unternehmer Dieter Reitmeyer, 60, achtet bei der Einstellung seiner Mitarbeiter nicht darauf wer alt oder jung ist, sondern wer gut oder wer schlecht qualifiziert ist. Mit fast 50 setzte sich Heike Nash gegen ihren Betreuer beim Arbeitsamt durch und machte eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Sie ist glücklich in ihrem Beruf. Die Psychologin Ursula Staudinger gibt zu bedenken: „Arbeit hat eine unterschätzte Bedeutung für das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen.“ Der Psychologe und Gerontologe Andreas Kruse ist der Meinung, dass man seinem Leben einen Sinn geben muss.

Die Zuschauer spendeten zum Ende des Films Applaus. Im anschließenden Dialog wies Wackernagel-Jacobs darauf hin, dass wir alle, besonders Politik, Wirtschaft und die Medien unsere Altersbilder verändern müssen. Wir sind nicht automatisch alt, weil wir ein bestimmtes Alter erreicht haben, wir sind nicht automatisch krank oder dement. Im Gegenteil neueste Forschungen zeigen, dass wir im Alter länger gesund bleiben. Sie weisen auch darauf hin, dass auch ältere sehr gute Lernergebnisse erzielen, wenn sie wissen wozu sie sich weiterbilden sollen. Alle im Saal waren sich jedoch einig, dass keiner gezwungen sein sollte länger arbeiten zu müssen, es sollte auf freiwilliger Basis jedoch möglich sein. Einige Zuschauer erzählten von ihren Erfahrungen, wie sie sich auf den Ruhestand vorbereitet haben. Alle Anwesenden stimmten mit der Wissenschaft überein, dass eine Aufgabe, die Tagesstruktur und Wertschätzung mit sich bringt wichtig ist, um nicht „ins Loch“ zu fallen, und dass der Begriff Ruhestand neu definiert werden muss.

Bis 2030 wird der Arbeitsmarkt bundesweit 6,5 Millionen Arbeitskräfte verlieren. Für Bingen wird ein Rückgang von 18 % Erwerbstätigen vorausgesagt. Auch die Unternehmen müssen sich Gedanken machen, ob sie den herkömmlichen Altersbildern Glauben schenken, oder ob Sie innovative Möglichkeiten schaffen die fachlichen Erfahrungen der älteren Generation für sich in Anspruch zu nehmen.