Melancholie wenn der Sommer endet

Skulptur Gregor Hildebrandt „Und mir unendlich fern“ im Rahmen der Triennale „NAH UND FERN“: Es scheint, als würde das Kunstwerk Werbung machen für den Dichter, der den Blick von oben herab auf den Rhein gerichtet hat. (aus dem Ausstellungskatalog). Foto: Norbert Vogelgesang

August-Gedicht Stefan Georges in der städtischen Reihe „Lyrik zur Monatsmitte“

Bingen (red). Stefan George war schon in jungen Jahren fest davon überzeugt, dass seine Lebensaufgabe die Dichtkunst sei. Was das aber bedeuten und welchen Preis das haben kann, war ihm auch schon ganz klar: Einsamkeit und Melancholie. Selbst in seinen Gedichten denkt er darüber nach wie z. B. in dem Gedicht, das von der Stefen-George-Gesellschaft für den Monat August ausgewählt wurde und das beim genaueren Hinschauen nicht nur ein Gedicht über Park und Garten ist, sondern auch über die Dichtkunst und die Rolle des Dichters selbst.

DIE GÄRTEN SCHLIESSEN

Frühe nacht verwirrt die ebnen bahnen . Kalte traufe trübt die weiher . Glückliche Apolle und Dianen Hüllen sich in nebelschleier.
Graue blätter wirbeln nach den gruften. Dahlien levkojen rosen In erzwungenem orchester duften . Wollen schlaf bei weichen moosen.
Heisse monde flohen aus der pforte.
Ward dein hoffen deine habe? Baust du immer noch auf ihre worte Pilger mit der hand am stabe?

SW II, S. 28 Stefan George: Hymnen. Pilgerfahrten. Algabal. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. II, S. 28.

Man kann sie besonders schön finden und ihr einen eigenen ästhetischen Reiz ab-gewinnen, dieser eigenartig melancholischen Stimmung des spät werdenden, dem Herbst sich langsam schon zuwendenden Sommers, wenn am frühen Abend der Tag allmählich in die Nacht übergeht und das Licht seine helle Härte verliert, unschärfer und sanfter wird. Georges Gedicht aus seinem ersten lyrischen Zyklus der ‚Hymnen‘, entstanden 1890, lässt vor unserem inneren Auge die Szenerie entstehen, wie im nachlassenden Licht „die Gärten schließen“: Was der Mensch als eine ganz künstlich-schöne Welt geschaffen hat, löst am Ende des Tages seine Ordnung und Struktur auf („Frühe nacht verwirrt die ebnen bahnen“). Feucht-kalter Nebel verwischt die Konturen und legt sich über die „weiher“ und die Figuren, die im Garten aufgestellt sind. Nun haben auch die Götterstatuen ihre Ruhe. Die Götter der antiken Mythologie, Apollo und Diana, gibt es hier gleich im Plural, nur als Kunstwerke und Dekoration der „gärten“. Sie können keine mythische Geltung mehr beanspruchen. Die Kunst selbst verdankt sich dem Niedergang, oder, wie man um 1900 auch sagt: der ‚Décadence‘. Genau an dieser Stelle wird die Sprache selbst besonders künstlich und dekorativ (v. a. durch Klangfiguren wie „traufe trübt“; „Graue“/„grufte“). Das Gedicht legt es, vielleicht ein wenig zu deutlich, auf diese ‚trübe‘ Stimmung an (etwa: „Graue blätter wirbeln nach den gruften“; „Dahlien“ sind klassische Herbstblumen; der letzte Duft des späten Tages – Levkojen riechen dann besonders intensiv; schließlich das Motiv des Mooses und des Schlafes, schon in der Antike ein Symbol des Todes, aber auch des Friedens). Die ungewohnte Pluralbildung – „Apollen und Dianen“ – verhindert jedoch, dass sich der Leser allzu umstandslos in den Sog der schönen Schwermut hineinziehen lassen kann. „Dahlien levkojen rosen“ schmücken die künstlichen „Gärten“, nebeneinander gepflanzt, allein wie es dem menschlichen Gestaltungswillen gefällt. Ohne Konjunktionen oder Kommata werden auch die Wörter zusammengezwungen wie die Blumen. Und wenig poetisch und ‚erzwungen‘ wirkt noch der folgende Vers, der die Anstrengung, ja sogar die Gewalt der Kunstarbeit sprachlich erfahrbar macht („In erzwungenem orchester“). Dass die Kunst nicht nur harmonische Schönheit schafft, sondern der Natur sogar Gewalt antun kann, wenn sie diese zu ihrem bloßen Material macht und sich ihr überlegen zeigen will, wird in der Kunsttheorie häufig reflektiert. Die Blumen selbst wollen sich jedoch nur in den Rhythmus des Tages fügen („Wollen schlaf bei weichen moosen“).

Nach diesen Anspielungen auf die menschliche Kunstarbeit, die sich nicht nur bei George so häufig finden, sondern in der Literatur der Moderne überhaupt, tritt mit der letzten Strophe das lyrische Subjekt sich im lyrischen Du selbst gegenüber und befragt sich selbst. Die heißen Sommermonate sind vorüber („monde“ darf man als weicheren, eleganteren Ausdruck für ‚Monate‘ nehmen), auch für den lyrischen Sprecher und, lebensgeschichtlich, für George selbst. So stilisiert sich der 22-Jährige gerne: Nun wird er poetische Inspiration aus kühler Einsamkeit und Melancholie ziehen, er, der zum Dichter Berufene, der Ausgezeichnete – und Gezeichnete. Schon die Eröffnungsgedichte der ‚Hymnen‘ sehen es so (‚Weihe‘, ‚Im Park‘). Mit unserem Schlussgedicht des Bandes der ‚Hymnen‘ schließt sich auch dieser poetische Garten zyklisch ab. Park, Garten, Blumen werden in der ganzen europäischen Literatur um 1900 zu wichtigen Symbolen für Kunst und Poesie. Die „heißen monde“ sind für die anderen; in den Gedicht-Gärten haben sie nichts zu suchen. Kunstarbeit ist kühle, naturferne Formung.

Die Schlussverse formulieren jedoch zugleich Fragen und Zweifel: Auf was hoffst du denn, du Dichter? Was hast du denn in deinem Gepäck? Welche Hoffnung womöglich? Und auf wen? Setzt du immer noch auf die andern, von denen du dich doch unterscheidest, unterscheiden musst? Denn du, Dichter, bist ein Pilger, der unter-wegs ist in der Dichtkunst, mit keinem anderen Ziel, als immer weiter in die Dicht-kunst hineinzukommen. Der folgende Gedichtzyklus Georges heißt deshalb konsequent: ‚Pilgerfahrten‘. Man sieht daran, wie sehr schon der junge Autor in der Kategorie des Werkes denkt und sein Ganzes zu überblicken und zu gestalten versucht.

Auch dies hört man durch die letzten Verse unseres Gedichtes hindurch: Zur Pose der Einsamkeit und Unterscheidung von den andern, die später sehr kulturkritisch als die moderne Masse verstanden werden können, kommt eine kaum eingestandene Sehnsucht nach Zugehörigkeit hinzu: auf die „worte“ der andern vielleicht doch ‚bau-en‘ zu können. Auf den sozialen Kreis der ‚Jünger‘ arbeitet George schon früh hin; ihn versucht er bald aufzubauen, so wie er seine Gedichtzyklen und –bände eben auch ‚baut‘.

Wolfgang Braungart

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