Blumen der Sprache

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Stefan George im April

Bingen (red). "Immer wieder gerät der große Binger Dichter Stefan George während seines Le-bens in Schaffenskrisen, stürzt in Melancholie und sucht nach Neuanfängen. So ist es auch bei unserem April-Gedicht, in dem die Sprache Georges nun feierlicher, sak-raler wird. George weiß, dass die Dichtkunst etwas Besonderes ist und deshalb eine besondere Sprache braucht. Das zeigt er nun ganz deutlich. Aber in unserem eige-nen Leben ist es doch nicht anders: Wenn wir einen besonderen Anlass haben, dann stellen wir uns auch darauf ein. Zu einer Hochzeit zum Beispiel erscheinen wir nicht in Sport- und Freizeitkleidung. Blumen bringen wir mit, wenn wir jemandem gratulie-ren oder sonst eine besondere Freude machen wollen. Gedichte kann man als die Blumen der Sprache verstehen.

 

VORSPIEL

Ich forschte bleichen eifers nach dem horte Nach strofen drinnen tiefste kümmerniss Und dinge rollten dumpf und ungewiss – Da traf ein nackter engel durch die pforte:

Entgegen trug er dem versenkten sinn Der reichsten blumen last und nicht geringer Als mandelblüten waren seine finger Und rosen · rosen waren um sein kinn.

Auf seinem haupte keine krone ragte Und seine stimme fast der meinen glich: Das schöne leben sendet mich an dich Als boten: während er dies lächelnd sagte

Entfielen ihm die lilien und mimosen – Und als ich sie zu heben mich gebückt Da kniet auch ER · ich badete beglückt Mein ganzes antlitz in den frischen rosen.

 

Stefan George: Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod mit einem Vorspiel. Sämtliche Werke in 18 Bänden. Hg. von der Stefan George Stiftung. Bearbeitet von Georg Peter Landmann und Ute Oelmann, Stuttgart 1982ff., Bd. IV, S. 10.

 

Wir dürfen die Sprecherinstanz eines Gedichtes nicht einfach mit dem Autor gleich-setzen; und deshalb dürfen wir Gedichte auch nicht umstandslos biographisch inter-pretieren. Das könnte man aus guten Gründen ein Gesetz der Interpretation nennen. Um ein leicht nachvollziehbares analoges Beispiel aus dem Leben zu nehmen: Wer sich für den Karneval als Hexe, Clown oder Biene Maja oder was auch immer ver-kleidet, der möchte im realen alltäglichen Leben doch gerade nicht als Hexe, Clown oder Biene Maja gelten. Wir wissen also sehr wohl zu unterscheiden zwischen Alltag und Fest. Das müsste uns in der Dichtkunst doch auch gelingen.

Es gibt aber viele Gedichte, die sich als poetische Selbstverständigung präsentieren. Dann tritt ein poetischer Sprecher auf in der Haltung, über sich selbst und sein Tun nachzudenken, zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen, die eigene Position neu zu be-stimmen. Wenn das, wie im vorliegenden Gedicht, so ist, sind wir freilich doch ver-sucht, Autor und lyrischen Sprecher in eins zu setzen. Das ist verständlich. Aber es geht auch hier zunächst um eine poetische Haltung der Selbstreflexion und Selbst-verständigung im Rahmen eines Gedichtes: „Ich forschte bleichen eifers nach dem horte“ – so beginnt das erste Gedicht des Zyklus ‚Vorspiel‘, mit dem George seinen fünften Gedichtband ‚Der Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod‘ (1899) einführt. ‚Vorspiel‘: Das mag an Goethes ‚Faust‘ erinnern, in dessen ‚Vorspiel‘ auch darüber nachgedacht wird, welches poetische Theater-Kunstwerk nun realisiert werden soll; es ist ebenfalls ein Text poetischer Selbstverständigung.

1897 war das ‚Jahr der Seele‘ erschienen, Georges subjektivster und bis heute er-folgreichster Gedichtband. Jetzt musste George neu ansetzen.

Der lyrische Sprecher unseres Gedichtes sieht sich in einer Krise bei seiner Suche nach dem poetischen Schatz („hort“), nach der wahren, gültigen Poesie, die er in einer poetischen Sprache („strofen“) von Gram und Kummer vermutet hatte. Aber genau das führte ihn in eine Sackgasse; die „dinge rollten dumpf und ungewiss“. Das nachzuvollziehen, ist ebenfalls nicht schwer. Hat man sich erst einmal auf Negativität und Melancholie ganz tief eingelassen, so findet man nicht so leicht wirklich neue, eröffnende, lebensbejahende Perspektiven. Genau darauf käme es jedoch an. Schon einmal, nach dem ‚Algabal‘, musste sich George eine tiefe Krise in seiner künstlerischen Entwicklung eingestehen. Ein Werk ist abgeschlossen; eine poetische Idee ist durchgeführt: Und jetzt? Zwischen großer Begeisterung in der Intensität des Schaffens und tiefer Melancholie spannt sich das Leben vieler Künstler.

Durchbrochen wird die Stagnation, in der sich das poetische Ich sieht, von außen: „ein nackter Engel“ erscheint unverhofft („da“). Wer soll das nun sein? Viel ist darüber spekuliert worden. Nehmen wir ihn einfach so: Er ist eine poetische Setzung; Dichtkunst darf das. Sie darf Figuren erfinden, die man nicht bloß übersetzen kann. Jeder weiß das aus dem Märchen etwa, aus Science Fiction und Fantasy. Auch Rilke tut das; er will seine Engel der ‚Duineser Elegien‘ eben nicht verwechselt wissen mit den Engeln der jüdisch-christlichen Tradition. Sie sind für ihn ebenfalls Kunst- Produkte. (Ein Vergleich zwischen Rilke und George lohnt sich: Verschiedener können zwei große Lyriker derselben kaum Epoche sein!)

Der Engel kommt, so meinen wir es traditionsgeschichtlich zu wissen, aus einer ganz anderen, einer sakralen Sphäre. Er ist ein Bote, ein Medium. Aber hier nun nicht ein Bote Gottes oder, allgemeiner, einer transzendenten Instanz, sondern ganz ein Bote der Immanenz: des „schönen lebens“. Der Sprecher des Gedichtes ist ihm gar nicht so fremd („Und seine stimme fast der meinen glich“). Von dorther, aus dem Leben selbst, wenn es nur wirklich als ein ‚schönes‘ verstanden wird, eröffnet sich die Erneuerung. Viele Autoren Europas beziehen sich um 1900 auf einen solchen empha-tischen Lebensbegriff, der ein letzter Sinn, eine letzter Grund sein soll, eine letzte Gültigkeit verbürgt.

Was nun dieses schöne Leben genauer sein soll, wird in unserem Gedicht umschrieben durch das, was der Engel mitbringt: Blumen nämlich, eine ganze ‚reiche last‘ so-gar. Ja, er selbst scheint wie ein einziges großes Blumenfest: „nicht geringer / Als mandelblüten waren seine finger / Und rosen · rosen waren um sein kinn.“ Dann hat er noch „lilien und mimosen“ dabei. Diese Mimosen meinen hier sicher die gelbe Mi-mose oder Silber-Akazie, die stark duftet, ein Symbol eben darum des schönen, intensiven, sinnlichen Lebens. Rosen und Lilien aber, die ebenfalls stark duften können, sind (auch) Marienblumen. Und so bringt der Engel als Bote zwei Sphären zusammen: die des Südlichen, Vitalen und die des Sakralen, Stengen, Gebändigten. „ER“ – das Pronomen allein wird hervorgehoben. Das Gedicht endet auch mit einer rituell-sakralen Gebärde: Der Engel kniet zu dem sich nach den Blumen bückenden Sprecher, der ganz in das neue Glück des ‚frischen‘ Lebens eintaucht. Dass hier etwas Besonderes geschieht, wenn sich Engel und poetisches Ich in ihrem Bezug auf das schöne Leben so nahekommen, spürt man am Rhythmus: „Und als ich sie zu“ – „Da kniet auch ER · ich“. Jeweils fünf einsilbige Wörter, die, anders als im übrigen Gedicht, nicht streng alternierend betont wirken und die Verse so rhythmisch herausheben.

Aber warum ist der Engel nackt? Bekanntlich sollen Engel doch geschlechtslos sein; erscheinen sie nackt, so sieht man also – nichts! Dennoch entsteht eine erotische Aura, die sich mit der ‚reinen‘ Nacktheit verbindet (Lilien sind auch Symbole Reinheit). Die neue poetische Kunst, die jetzt durch dieses Gedicht eröffnet und durch das ganze ‚Vorspiel‘ formal sehr streng eingeleitet wird (es sind insgesamt 24, also zweimal 12 oder zwei mal drei mal vier, immer vierstrophige Gedichte mit jeweils vier kreuzgereimten und umarmend gereimten Versen), müsste sich einerseits dem schönen Leben verdanken und vom schönen Leben künden. Andererseits müsste sie das Leben doch auch zur Kunst veredeln, sublimieren, weihen. Das ist ein Pro-gramm, das so überraschend dann doch nicht ist: Ja, das ist eben Kunst, möchte man sagen. Sie ist nicht das Leben, aber sie muss sich ihm doch verdanken und es vielleicht sogar überhöhen. Nun darf muss man also auch daran erinnern, dass Blumen seit der Antike ein Symbol für die Dichtkunst und Gedichte selbst sind.

Entsprechend präsentiert sich nun auch der ganze Band das ‚Teppich des Lebens‘: als ein feierliches, hochgradig stilisiertes Buchkunstwerk, das Georges Freund, der Künstler Melchior Lechter, gestaltet hat. Am Ende des ‚Vorspiels‘ wird dieser Zyklus (also der ‚Kreis‘ von Gedichten) auch als Lebenskreis wirklich abgeschlossen mit einer Vision vom Tod des Dichters. Das ist aber kein Rückfall in die Zeiten der „kümmerniss“ und Melancholie. Denn am letzten „lager“ des Dichters steht doch wieder „fest und hoch: der engel“ (SW V, 33). Das ganze ‚Vorspiel‘ fasst insofern zusammen, dass das ganze Leben im Zeichen der Begegnung mit dem Engel, diesem Boten des schönen Lebens, steht: für „[u]ns die durch viele jahre zum triumfe / Des grossen lebens unsre lieder schufen“ (SW V, 3. Aus dem „schönen leben“ des Be-ginns ist nun durch seine Feier in der poetischen Kunst das „grosse leben“ geworden. Die Poesie ist die Feier dieses Lebens selbst, weil es sich in der Erfahrung und im Vollzug der Poesie selbst steigert und erhöht.

Lyrik zur Monatsmitte auf www.bingen.de

Dieses und alle vorangegangenen Gedichte und Besprechungen findet man mit dem Stichwort „Stefan George“ auf www.bingen.de.

 

Wolfgang Braungart

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